#1 Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie abgelehnt von Jue 03.07.2017 13:04

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich studiere Psychologie an der Universität Kassel und leide unter (diagnostizierter und attestierter) Dyskalkulie. Wir haben im ersten und zweiten Fachsemester jeweils eine Klausur in Statistik (also letztlich Mathe); bereits für die erste Klausur beantragte ich einen Nachteilsausgleich, der nach Monaten abgelehnt wurde mit dem Hinweis, dass die Form nicht gewahrt worden war, da ich den Nachteilsausgleich formlos statt mit einem zur Verfügung gestellten Formular stellte. Natürlich wurde er erst eine Woche vor der Klausur abgelehnt, obwohl ich den Antrag wirklich rechtzeitig gestellt hatte - ein Schelm wer Böses dabei denkt. Die Klausur bestand ich im zweiten Versuch gerade so durch Glück, auch ohne einen Nachteilsausgleich.

Jetzt, im zweiten Semester, sieht die Sache anders aus, da auch die Inhalte sehr viel schwerer geworden sind. Ich habe kein Problem mit dem Verständnis der angewandten Verfahren, nur mit der Tatsache, dass in der Klausur gerechnet werden muss, was bei mir dank meiner anerkannten Behinderung einfach nicht drin ist. An anderen Hochschulen wurde bereits erkannt, dass Klausuren nur bedingt zielführend sind, da es nicht um das Meistern einer Prüfungssituation geht, sondern gerade für uns angehende Wissenschaftler um den Erwerb von Wissen und das Verständnis für Methoden, daher wurden dort Klausuren durch Hausarbeiten ersetzt. Ich habe nun für dieses Semester also eine Prüfungsmodifikation von Klausur in Hausarbeit mit seitenlanger Begründung beantragt (die Begründung stelle ich gerne zur Verfügung, wenn gewünscht). Dies wurde innerhalb von drei Tagen abgelehnt. Ich widersprach schriftlich, wurde daraufhin zu einem Gespräch mit dem Prüfungsvorsitzenden und der Modulverantwortlichen geladen, in dem mir einfach nur mitgeteilt wurde, dass ich die Klausur halt einfach so bestehen muss, dass es für mich keinen Nachteilsausgleich geben wird. Ich hätte also einfach "Pech gehabt". Alle anderen würden das ja auch hinbekommen, da würde ich es sicherlich auch irgendwie schaffen.

Mein Argument, dass das praktisch so wäre, als würde man einen Beinlosen auffordern, die Treppe hochzulaufen, weil alle anderen das ja auch täten, fiel auf unfruchtbaren Boden. Überhaupt wurde mir sehr wenig zugehört und nur mitgeteilt, dass ich es halt so schaffen müsse.

Nun zu meiner Frage: Macht es Sinn, in dieser Hinsicht etwas zu unternehmen? Kann man überhaupt etwas unternehmen? Gibt es Referenzurteile von Gerichten? Ich würde mein gesamtes Studium nur sehr ungerne wegen einer einzigen Klausur hinwerfen müssen und bin auch bereit, dafür zu kämpfen.

Vielen Dank und freundliche Grüße,
J. S.

#2 RE: Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie abgelehnt von Zimmerling 04.07.2017 15:04

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Ob die Hochschule generell einen Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie ablehnt, wissen wir nicht. Grundsätzlich ist immer eine Einzelfallprüfung geboten. Insoweit kommt es ggf. auf die Antragstellung und - was besonders wichtig ist - auf die richtige Formulierung eines ärztlichen Attestes an. Die allermeisten ärztlichen Atteste, die wir erhalten im Zusammenhang mit dem Prüfungsrücktritt, sind unbrauchbar. Da selbstverständlich beim Nachteilsausgleich stets der konkrete Fall zu berücksichtigen ist, wäre es fehlerhaft, wenn ganz generell ein Nachteilsausgleich ausgeschlossen ist. Die Formulierung des Prüfungsvorsitzenden, Sie hätten einfach „Pech gehabt“, ist so nicht nachvollziehbar, möglicherweise bezieht sich diese Bemerkung auf das unzureichende ärztliche Attest. Von daher stellen wir anheim, uns die geeigneten Unterlagen zur Verfügung zu stellen, damit wir prüfen können, ob bereits von der Antragstellung her ein Nachteilsausgleich hätte gewährt werden können oder müssen.